"SUPREME PRESENCE" 2016 / FILM by leyla rodriguez

HD / mini dv 04:09 min. / color / stereo

Mit einer Reihe von insgesamt sechs Kurz-Filmen entwirft Leyla Rodriguez Sequenzen von Familie und Identität. Vielfach werden dabei eindringliche autobiografische und intime Aufnahmen assembliert und entwickeln den Charakter bewegter Collagen. Ahistorische, mehrdeutige, skurrile Bilder, Musik und Charaktere suggerieren Narrative, die nicht eingelöst werden. Die Filme generieren so keine stringente Zeitauffassung oder Erzählung, sondern bilden in einer Art Endlosschleife variable Einstiegsmöglichkeiten und Lesarten. Als ein übergeordnetes und wiederkehrendes Prinzip erscheint dabei das Verhältnis von Natur, Kultur, Heimat und Heimatlosigkeit und erzeugt eine die Filme überlagernde Melancholie und Sehnsucht.

Leyla Rodriguez stammt aus einer Musikerfamilie. Sie wuchs während der von 1976 bis 1983 andauernden Militärdiktatur in Argentinien auf und immigrierte 1984 schließlich nach Deutschland. Während Teile der Familie in Argentinien verblieben, wanderten andere nach Amerika, Brasilien und Australien aus, und der ehemals enge Verbund verlor sich in kleinen Gruppen. Ein Gefühl der Identitätslosigkeit und einer für immer verlorenen Heimat blieb.

Verschiedene Mitglieder der Familie werden Film um Film musikalisch integriert und bilden einen Schwerpunkt der Erzählung, ohne dabei selbst in Erscheinung zu treten. An ihrer Stelle übernehmen verschiedene Aufnahmen von Landschaft, Wild- und Hausieren sowie Rodriguez selbst — verkleidet als vermummte Gestalt, als Hybrid zwischen Tier, Mensch und Textil — abstrakte Personifikationen. Alte Melodien, teils von Familienangehörigen komponiert, werden durch neue ergänzt und tragen die bildnerischen Erzählungen. Klangfolgen dominieren die verschiedenen Szenen, verknüpfen diese und werden zu Hauptakteuren.

Ein Großteil des filmischen Materials zeigt Ausschnitte aus dem Alltag der Künstlerin und entwirft eine vom Zufall geleitete, beiläufige Struktur. In der Erweiterung oft seltsam anmutender Aufnahmen, ergeben sich zwischen den Bildern ästhetische Verwandtschaften und erzeugen eine Parallelwelt zwischen Ordnung und Unordnung. Das Medium Film changiert dabei zwischen fotografischen, malerischen und performativen Episoden und verhindert eindeutige Kategorien.

Supreme Presence zeigt eingangs erneut die Figur mit buntem Tischtuch über ihrem Kopf. Sie hockt in einem lichten Raum aus zusammengestellten Containern und streichelt den Hund aus Optimistic Cover. Das runde Tischtuch legt sich wie ein Cape über Kopf und Schultern und ist auf blauem Grund mit aufgedruckten Kreisen aus orangen Blumen geschmückt. Der innerste Kreis bildet eine Art Rahmen um den Kopf der Künstlerin, die sich unter dem Tuch befindet und zwei Schlitze für ihre Augen in das Tuch geschnitten hat. Es setzt ein rhythmisches Klopfen ein und eine anschließende Sequenz fährt über eine bemooste Betonmauer, auf die mit Kleister ein rechteckiges, geblümtes Tischtuch geklebt ist. Im Tackt eines Schlagzeuges trabt der Hund die Mauer entlang und wird abgelöst von Intervallen, die einen Elch im Wald, den Hund im Wald und ein Pony auf einer grünen Weide zeigen, das ebenfalls eine Tischdecke auf seinem Rücken trägt.

Die Musik setzt sich fort, während nun wieder der Hund und die Gestalt mit Tischtuch sowie abwechselnd eine weitere Gestalt mit einer grün gehörnten Maske in dynamischen Situationen in den Containern zu sehen sind. Alternierende Aufnahmen zeigen, wie die vier Container zu einem Kubus mit Glasfront auf- und abgebaut werden und das nun tote Pony. Sein im Dunkeln liegender nasser Körper ist mit einem weißen Tuch bedeckt und neben seinem Kopf brennt eine flackernde Kerze. Es wird in einer seltsam technisch erscheinenden Konstruktion aus einer blauen Plane und einem kleinen Krahn in einen Lastwagen gehoben. Die Musik spitzt sich zu, die Container sind abgebaut und das Pony wird in einem Krematorium von einer spitzen Lanze in eine rot glühende Röhre geschoben. Dann endet der Film, mit einem stummen Blick über eine im Nebel liegende Dünenlandschaft und darüber hängender dunstiger Sonne. In Supreme Presence sind die Themen Verlust und Tod sowie Auf- und Abbau prägnant. Auch hier werden parallele und sich überschneidende Bilder aufgerufen und, bei verschiedenem Inhalt, auf deren ästhetische Ähnlichkeit verwiesen.

von Rosa Windt

"SUPREME PRESENCE" 2016 / FILM