"BOOM" 2018 | FILM

"BOOM" 2018 | FILM, leyla rodriguez

HD | 06:34 min.| color | stereo
production countries: argentina and germany

BOOM begins with the at times somewhat laborious but nevertheless decisive path of a tortoise along an exotic forest floor. The impression of a journey with a specific destination at its end is enhanced by briefly inserted sequences of a nighttime view out of a moving train. The animal finally reaches its destination within the story: a tall, lavishly flowering cactus growing in a corner between two multifaceted walls. The plant nestles into its backdrop in a picturesque manner, just as the background appears to reference the plant. In this regard BOOM feels like a kind of epilogue to Rodriguez’s earlier films (Optimistic Cover, 2015, Supreme Presence, 2016, Interior Season, 2017, Homeless, 2017) in which a collaboration of nature, culture and identity is negotiated as an overriding question. In this context nature could be a romantic, misty-eyed place of longing or a placeholder for culture and identity – just as architecture, technology and urban landscapes are depicted as something organic, something that changes and is animated. By using an academic classification of the current relation between humans and nature in the age of the Anthropocene, theoreticians such as Bruno Latour endeavour – in a comparable manner – to abolish the binary approach to nature and culture at the theoretical level and to make space for fluctuations in the two poles. In this sense nature is no longer seen as a divinely omnipotent entity that humans must submit to or whose destruction they penitently observe; rather, parameters supposedly set by nature, such as gender and role images, are deconstructed.

In BOOM the cactus takes on a transcending role as nature personified, illustrating its relationship to the culture surrounding it: it grows between two high walls that maybe left a little room because of it or in whose protection from the elements it was able to flourish particularly well. It loses it magnificent flowers or is robbed of them. And finally a masked figure resolutely severs one of its many arms and holds it, wrapped in a gold band – up high like a trophy. Robbed in this fashion the cactus loses some of its grandeur and appears lost and broken despite its size and its spines. While images of nature, culture and personal photographs enter associative analogies as they are presented in a rapid sequence in the middle section of the film, the final shot takes us back to the scene around the cactus. Instead of being adorned by flowers it is now decorated in gold strips of adhesive tape that are being touched in a conciliatory manner by the masked figure. The tortoise too bears two gold strips of adhesive tape on its shell for some time, appearing to leave the events towards the underbrush. The film ends with a photograph of a young girl in front of a wall with two tall cactuses next to her. BOOM addresses the synthesis of nature and culture and their reciprocal potential and rivalry in a playful manner and it emphasizes a continued existence for both sides as a carrier of memories and identity.

By Rosa Windt

BOOM beginnt mit einem teils etwas beschwerlichen aber dennoch entschlossenen Weg einer Schildkröte über einen exotischen Waldboden. Der Charakter einer Reise, an dessen Ende ein spezifisches Ziel steht, wird dabei verstärkt durch kurze eingeschobene Sequenzen eines nächtlichen Blicks aus einem fahrenden Zug. Innerhalb der Narration erreicht das Tier schließlich sein Ziel: Einen übermannshohen üppig blühenden Kaktus, der in einer Ecke zwischen zwei facettenreich gestalteten Mauern wächst. Auf malerische Weise fügt sich die Pflanze in ihren Hintergrund, ebenso wie sich auch der Hintergrund auf die Pflanze zu beziehen scheint. BOOM wirkt in dieser Hinsicht als eine Art Epilog Rodriguez vorhergegangener Filme (Optimistic Cover, 2015, Supreme Presence, 2016, Interior Season 2017, Homeless, 2017) innerhalb derer als übergeordnete Frage ein Zusammenwirken von Natur, Kultur und Identität verhandelt wird. Natur kann dabei zu einem romantisch verklärten Sehnsuchtsort oder Platzhalter für Kultur und Identität werden ebenso wie Architektur, Technik und Stadtlandschaften als etwas Organisches, sich Wandelndes und Belebtes gezeigt werden. Mit einer wissenschaftlichen Einordnung der gegenwärtigen Mensch-Natur-Relation im Zeitalter des Anthropozän unternehmen Theoretiker wie Bruno Latour – in vergleichbarer Weise – den Versuch eine Binarität von Natur und Kultur auf theoretischer Ebene aufzuheben und ein Changieren der beiden Pole einzuräumen. Die Natur gilt demnach nicht mehr als göttlich übermächtige Einheit, der sich der Mensch zu unterwerfen hat, oder dessen Zerstörung er reumütig betrachtet, vielmehr werden vermeintlich naturgegebene Parameter wie Geschlecht und Rollenbilder dekonstruiert.

In BOOM übernimmt der Kaktus eine transzendierende Rolle als personifizierte Natur und illustriert sein Verhältnis zu der ihn umgebenden Kultur: Er wächst zwischen zwei hohen Mauern, die vielleicht seinetwegen etwas Raum gelassen haben oder in dessen Schutz vor Witterung er besonders ausladend gedeihen konnte. Er verliert seine prächtigen Blüten oder wird dieser beraubt. Und schließlich kappt – mit Bestimmtheit – eine maskierte Gestalt einen seiner vielen Arme und hält ihn, umwunden von einem goldenen Band, wie eine Trophäe in die Höhe. Derartig beraubt büßt der Kaktus an Erhabenheit ein und erscheint trotz seiner Größe und Stacheln verloren und gebrochen. Während im Mittelteil des Filmes in einer schnellen Abfolge Bilder von Natur, Kultur sowie persönliche Fotografien assoziative Analogien eingehen, führt die letzte Einstellung zurück zu der Szenerie um den Kaktus. Anstelle von Blüten zieren ihn nun goldene Klebebandstreifen, die von der maskierten Gestalt versöhnlich berührt werden. Auch die Schildkröte, trägt für einige Zeit zwei goldene Streifen Klebeband auf ihrem Panzer und scheint das Geschehen in Richtung Unterholz zu verlassen. Der Film endet mit einer Fotografie von einem kleinen Mädchen vor einer Mauer, neben ihr zwei hohe Kakteen. Auf spielerische Weise erzählt BOOM von einer Synthese von Natur und Kultur, von deren gegenseitigem Potenzial und Rivalität, und betont dabei für beide Seiten ein Fortbestehen als Träger von Erinnerungen und Identität.

Von Rosa Windt